Artgerechte Haltung von Europäischen Landschildkröten

Drucken

schildkroete 800Die Tiere sind trotz Geburt in der Gefangenschaft Wildtiere, die sich in keiner Weise an unser Klima angepaßt haben. Sie haben alle Ansprüche, die sie in der Natur auch haben. Es muss unsere Aufgabe sein die natürlichen Lebensbedingungen der Schildkröten weitestgehend herzustellen:

 

 

Die europäischen Landschildkröten eignen sich nicht für eine ausschließliche Wohnungshaltung. Für eine artgerechte Haltung ist ein Garten mit viel Sonnenlicht notwendig, Balkon oder Terrasse eignet sich nur bedingt (Zugluft, Überhitzung oder zu schattig).

Außengehege:

Die Lage des Außengeheges muß windgeschützt sein und eine bestmögliche Sonneneinstrahlung aufweisen. Wir müssen bedenken, dass es der Schildkröte nicht möglich ist ihre Körpertemperatur selbst zu erzeugen. Das Gehege sollte gut strukturiert sein damit Rückzugsmöglichkeiten bestehen, besonders dann, wenn mehrere Tiere gehalten werden. Dadurch kann unnötiger Stress vermieden werden.

Schattenplätze sollen den Tieren zur Verfügung stehen. Die Einzäunung muß 10 bis 20 Zentimeter in den Boden eingelassen werden und so hoch sein, daß auch zwei Schildkröten übereinander nicht aus dem Gehege klettern können. Erfahrungsgemäß je nach Größe der Tierart 40-50 cm hoch. Der Bodengrund sollte wenigsten zum Teil aus Walderde, Rindenhumus (nicht Rindenmulch) oder Pinienerde sein, ein anderer Teil aus Wiesenkräutern und Futterpflanzen. Ausschließlich Gras ist nicht geeignet, da es bei uns für die sonnengewohnten Tiere viel zu oft nass und kalt ist.

Ein Frühbeetkasten mit Fensterheber (wichtig wegen Überhitzung) sollte zur Grundaussattung eines Außenheges gehören. In den Übergangszeiten würde sich evtl. auch anbieten das Frühbeet z. B. mittels eines Ellsteinstrahlers zu beheizen. Bieten Sie den Tieren jederzeit Wasser an. Denken sie an den hygienischen Aspekt, da die Tiere gerne im Wasser Kot abgeben muß das Wasser gut auszutauschen sein. Eine große Steinplatte für das Futter, die leicht zu reinigen ist, rundet das Bild ab. Weitere Anregungen können Sie sich in der zahlreich angebotenen Literatur holen.

Am besten ist es, Sie besichtigen Anlagen von erfahrenen Züchtern.

Ernährung:

Schildkröten sind Pflanzenfresser. Füttern sie möglichst unbehandelte Wiesenkräuter.

Z.B. Löwenzahn, Klee, Knöterich, Wegericharten, Disteln, Fetthenne, Brennessel etc. Falls Wiesenkräuter jahreszeitlich bedingt nicht zur Verfügung stehen kann Feldsalat, Endivien, Chicorée, Ruccola (normaler Kopfsalat ist wegen der geringen Inhaltstoffe wenig geeignet) gegeben werden.

Tierische Proteine wie Hunde und Katzenfutter sowie Fertigfutter (Pellets) sind abzulehnen, da es dadurch früher oder später zu einem erhöhten Anfall von Harnsäure mit der Folge einer tödlich verlaufenden Organ- und Gelenkgicht kommen kann. Schildkröten fressen von sich aus auch einmal einen Wurm oder eine Schnecke wogegen nichts einzuwenden ist. Obst gehört nicht auf den täglichen Speiseplan und sollte nur selten, wenn überhaupt gegeben werden. Wegen des hohen Zuckergehaltes sind Fehlgärungen und Verdauungsstörungen möglich.

Sepia-Schale sollte immer im Gehege liegen. Die Schildkröten knabbern gerne daran und ergänzen dadurch ihren Kalkbedarf. Man kann aber auch Kalkpulver (z.B. Calciumcarbonat) über das Futter streuen.

Grundsätzlich gilt: Das Futter soll ballaststoffreich und rohfaserreich sowie calciumreich und eiweisarm sein. Die Zufütterung von Heu ist daher sehr wichtig. Heu muß aber an einem trockenen Ort angeboten werden, da es sonst leicht schimmeln kann.

Bei abwechslungsreicher Fütterung kann bei Landschildkröten getrost auf Vitaminzugaben verzichtet werden.

Der Kot einer Landschildkröte sollte fest, wurstförmig und dunkel sein. Der Harn ist zweiphasig; einerseits wird wässeriger bis schleimiger, durchsichtiger Harn abgesetzt, andererseits wird die wasserunlösliche Harnsäure als weißer, sämiger Brei abgegeben.

Die Überwinterung:

Landschildkröten machen üblicherweise einen Winterschlaf. Dieser ist für die Schildkröte sehr wichtig und gehört zu ihrem Lebensrythmus. Im Freien gehaltene Schildkröten bereiten sich selbständig auf den Winterschlaf vor. Größere Tiere können von Oktober/November bis ca. März ihren Winterschlaf halten. Kranke Tiere gehören nicht in den Winterschlaf.

Nach zwei bis dreimaligem Baden in lauwarmen Wasser können sich die Tiere entleeren. Nach der Darmentleerung bringen Sie die Tiere an den Ort wo sie den Winterschlaf verbringen sollen. Dieser Raum muß kühl und dunkel sein. Ideal ist eine Temperatur von 4 bis 8 Grad Celsius. Rutscht die Temperatur tiefer bewahrt ein Frostwächter die Tiere vor dem erfrieren. Der Boden des Behälters für Ihre Schildkröte wird z. B. mit angefeuchteter Kokosfaser, Pinienerde oder Walderde ausgefüllt. Ausnahme: Die Steppen- oder Vierzehenschildkröte (Testudo horsfieldi) ist eher trocken zu halten. Obenauf kommt am besten Buchenlaub. Wiegen Sie Ihre Schildkröte (sie wird bei richtiger Überwinterung nur wenig an Gewicht verlieren.) und setzen sie das Tier in den Behälter. Die Schildkröte wird sich vergraben und Ihre Winterpflege wird darin bestehen das Substrat mittels eines Wassersprühers ab und zu feucht zu halten, die Raumtemperatur zu kontrollieren und ca. mtl. das Tier vorsichtig aus dem Behälter zu heben zu wiegen und danach wieder zurückzulegen und zuzudecken. Diese kurze Unterbrechung stört die Tiere in der Winterruhe nicht, es ist jedoch sehr wichtig, da Sie hierdurch übermäßige Gewichtsverluste schon in der Anfangsphase feststellen können. Wenn Sie bereits genügend Erfahrung haben, können Sie aber auch auf das Wiegen während der Winterruhe verzichten. Tiere die zuviel an Gewicht verlieren oder auch nach mehreren Anläufen nicht zur Ruhe kommen dürfen nicht eingewintert werden.

Erwachen im Frühjahr:

Das Erwachen bzw. Wecken der Schildkröte sollte ebenso behutsam vonstatten gehen. Zunächst holen Sie sie in einen ca. 15 Grad kühlen Raum und erhöhen Sie Temperatur langsam Tag für Tag mittels Heizung und Wärmelampe. Baden Sie das Tier handwarm und ausgiebig. Ihre Schildkröte wird Wasser aufnehmen und sich erwärmen. Bieten Sie Futter an, manche Tiere fressen sofort, manche erst nach ein paar Tagen.

Sollten Sie einen beheizbaren Frühbeetkasten haben, können die Schildkröten bereits ab April

(wenn das Wetter mitmacht auch schon im März) wieder ihr Freigehege beziehen. Andernfalls warten bis keine Nachtfröste mehr zu erwarten sind, oder die Tiere am Abend in die Wohnung holen. Die Übergangszeiten im Frühjahr könnten Sie mit der Haltung in Terrarien der entsprechenden Größe (muß nicht ein teueres Stück aus dem Handel sein) überbrücken. Denken Sie wieder an den natürlichen Lebensraum der Schildkröte und richten Sie eines solches Terrarium wie folgt ein: Der Behälter muss groß genug für Ihre Schildkröte sein. Der Bodengrund kann z. B. aus Kokosfaser, Waldgrund oder Pinenerde sein und muss täglich etwas angefeuchtet werden. Sie schaffen eine „Sonnenzone „ indem sie eine Steinplatte oder ähnliches an eine Ecke des Behälters legen. Darüber bringen Sie einen Spotstrahler (keine Glühbirnen) mit 40, 60 oder z.B. 80 Watt an. Der Spotstrahler muß so hoch angebracht werden, daß lokal ca. 35 bis 40 Grad erreicht werden. Eine Leuchtstoffröhre mit UV-Anteil wie sie im Handel angeboten wird sollte zusätzlich angebracht werden. Da der UV-Anteil permanent abnimmt sollten die Röhren von Zeit zu Zeit ausgetauscht werden. Zwischen der UV-Lichtquelle und den Tieren darf keine Glasscheibe vorhanden sein, da Glas UV-Strahlen absorbiert.

Die Steinplatte (nicht zu klein) erweist sich als Futterplatz recht praktisch, das sie gut sauber gehalten werden kann.

Schildkröten vergraben sich gerne in leichtem Substrat. Sie schaffen deshalb mit Ihrem Material vom Bodengrund einen ausreichend großen und breiten Wall, beschatten diesen und halten ihn feucht. Bieten Sie Raum zum Ausweichen. Schildkröten lieben das Sonnenbad, aber auch manchmal den Rückzug in kühlere feuchte Ecken.

Noch einige Sätze zur Haltung von Jungtieren:

Jungtiere (bis ca. drei Jahre) sind im Großen und Ganzen so zu halten wie ausgewachsene Tiere auch.

Ein, der Größe der Tiere entsprechendes, Zimmerterrarium, wie bereits bei den adulten Tieren beschrieben, sollte auf jeden Fall zur Verfügung stehen, denn unsere Sommer sind für diese Babys zu kurz und zu kalt. Die jungen Schildkröten sollten daher in den Übergangszeiten Frühjahr und Herbst im Zimmerterrarium gehalten werden. Im Sommer müßten Sie zudem ein Außengehege, mit Netz oder Gitter überdacht, bieten. Dieses muß nicht zu groß sein aber alle Aspekte wie bei den adulten Tieren beschrieben besitzen. Wenn die Kleinen aus dem Gehege genommen werden und „frei" spazieren dürfen denken Sie daran – lassen Sie die Schildkröten keinen Augenblick aus den Augen sie sind unheimlich schnell und schlecht wieder zu finden. Nachts und an kalten nassen Tagen nehmen Sie die Jungschildkröten sicherheitshalber ins Haus.

Die Jungtiere müssen allerdings auf den Winterschlaf vorbereitet werden, d. h. die Winterruhe muß über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen eingeleitet werden. Dies geschieht indem die Zimmertemperatur und die Beleuchtung schrittweise reduziert werden. (Bei den Alttieren erfolgt dies im Freien automatisch) Nach der zweiten Woche wird die Beleuchtung ganz ausgeschaltet und kein Futter mehr angeboten. Danach werden die Jungtiere im Abstand von zwei Tagen ca. zweimal gebadet. Während der folgenden zwei bis drei Tage wird die Zimmertemperatur weiter abgesenkt, damit sich der Körper langsam umstellen kann. (Sie simulieren mittels Licht und Wärme Herbst) Anschließend werden die Jungtiere – wie bei den adulten Tieren beschrieben – überwintert. Die Überwinterungstemperatur beträgt ebenfalls 4 bis 8 Grad.

Die Winterruhe ist bei Tieren wie in der Natur bereits ab dem ersten Lebensjahr zu empfehlen wenn nicht sogar notwendig. Die Ruhezeiten betragen entsprechend dem Alter der Tiere ca. 6 Wochen im 1. Lebensjahr bis ca. 2,5 bis 3 Monate im 3. Lebensjahr. Das Erwachen im Frühjahr läuft genauso ab wie bei den erwachsenen Tieren.

Bemerkungen:

Über den Buchhandel ist inzwischen eine Menge Fachliteratur zu beziehen. Über spezielle Themen wie z.B. die Kühlschranküberwinterung können Sie sich bei Verbänden und Züchtern informieren. Sie werden feststellen, daß zu den hier gemachten Ausführungen zur Haltung von Europäischen Landschildkröten Abweichungen zu anderen Informationsquellen bestehen. Ein Erfahrungsaustausch ist daher immer von Vorteil. Man sollte aber Handhabungen mit denen man bereits selbst gute Erfahrungen gemacht hat beibehalten.

Ein krankes Tier gehört grundsätzlich zum Tierarzt.

Seit dem 10 Januar 1997 sind Mindesanforderungen an die Haltung von Reptilien vorgeschrieben. Die in dem Gutachten gemachten Empfehlungen, insbesondere auch zur Gehege- oder Terariengröße sind zu beachten. Es wurde vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bonn herausgegeben und ist dort erhältlich.

Besonders hinzuweisen ist noch, daß Europäische Landschildkröten zu den besonders geschützten Arten gehören. Jeder Zu- und Abgang muß der jeweils zuständigen Naturschutzbehörde unverzüglich schriftlich angezeigt werden.

Textausarbeitung: Günther Knappe