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Schutz und richtige Hilfe für den Igel

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igelFast täglich melden sich im Spätherbst besorgte Anrufer im Fürstin-Delia-Tierheim, um Hilfe und Rat für den Umgang mit Igeln zu erfragen. Da unser Engagement nicht nur Haustieren gilt, ist es unabdingbar, daß sich das Tierheim dieser wichtigen Aufgabe, nämlich dem Schutz und der richtigen Hilfe für den Igel nicht entzieht. Wer sich mich Igeln beschäftigt, sollte sich zunächst einige Kenntnisse über Lebensraum, Lebensweise und Ernährung erwerben. Der Igel ist kein Haustier und genießt besonderen gesetzlichen Schutz. Nur in begründeten Ausnahmefälle darf er seinem natürlichen Lebensraum entnommen und in menschliche Obhut genommen werden.

 

 

Lebensraum des Igels

Der Igel lebt am liebsten im Siedlungsrandbereich, in Gärten und Parks, wo neben einem ausreichenden Nahrungsangebot auch genügen Hecken, Gebüsch, Laub- oder Reisighaufen zur Verfügung stehen. Das Revier eines Igelmännchens kann bis zu 100 Hektar, bei Weibchen bis zu 30 Hektar betragen.

Kleine Igelkunde

Erwachsene Igel haben eine Körperlänge von 24 bis 26 Zentimeter. Ihr Gewicht beträgt zwischen 800 und 1500 Gramm. Die männlichen Tiere sind meist schwerer als die Weibchen. Igel besitzen bei der Geburt bereits mehr als 100 in die verdickte Rückenhaut eingebettete Stacheln. Ausgewachsene Tiere können 6000 bis 8000 Stacheln haben. Fühlen sich Igel bedroht, rollen sie sich ein und richten die Stacheln auf. Der Geruchssinn der Igel ist hervorragend entwickelt und hilft bei der Suche nach Nahrung und Artgenossen. Das Gehör ist ebenfalls vorzüglich und reicht bis weit in den Ultraschallbereich hinein. Auch geringste Erschütterungen nimmt der Igel wahr. Das Sehvermögen ist dagegen nur mäßig. Bei Gefahr fauchen oder tuckern Igel.

Igel könnten bis zu 10 Jahren alt werden. Infolge der zahlreichen Gefahren haben sie allerdings nur eine durchschnittliche Lebenserwartung von 2 bis 4 Jahren. Insbesondere die Jugendsterblichkeit ist sehr hoch.Igel sind nachtaktive Insektenfresser. Sie verzehren Käfer und Larven, Regenwürmer, Schnecken, Spinnen und gelegentlich Aas. Gegenüber der verbreiteten Ansicht werden nur selten Pflanzen und Früchte gefressen.

Je nach den Wetterverhältnissen liegt die Paarungszeit zwischen April und August. Nach 35 Tagen Tragedauer kommen meist nur einmal im Jahr 2-10 blinde und taube Igelchen zur Welt, die das Igelweibchen tagsüber säugt. Nachts geht sie auf Nahrungssuche. Im Alter von 3 bis 4 Wochen verlassen die Jungigel das Nest, um selbst auf Nahrungssuche zu gehen. Die Männchen beteiligen sich nicht an der Aufzucht der Jungen.

Zur Überbrückung der nahrungsarmen Monate machen Igel einen Winterschlaf. Sie fressen sich bis zum Herbst ein Fettpolster als Energiespeicher an. Dank der stark reduzierten Körperfunktionen können sie damit mehrere Monate ohne Futter auskommen. Im Winterschlaf ist ihre Herztätigkeit von etwa 180 Schlägen pro Minute auf etwa 8 Schläge verringert. Sie atmen lediglich 3-4mal anstatt 40-50mal pro Minute. Die Körpertemperatur sinkt von etwa 36 Grad auf ca. 5 Grad ab, ist aber immer höher als die Umgebungstemperatur. Während des Winterschlafs verlieren sie 20% bis 30% ihres Körpergewichts.

Der Igel hat eine ganze Reihe natürlicher Feinde. Er gehört zum Speisezettel von Uhu, Fuchs und Dachs. Auch Hunde und Katzen können Igeln zur Gefahr werden. Der größte Feind der Igel ist jedoch der Mensch, der dem Igel seinen natürlichen Lebensraum genommen hat, entlang vielbefahrener Straßen ausrottet, oder ihn durch chemische Gifte, Dünger, Gülle usw. vergiftet.

Igelhilfe – aber richtig

Mit dem Beginn der kalten Jahreszeit ziehen sich gesunde Igel in ihre Winterquartiere zurück. Prinzipiell sollte man die nachtaktiven Igel sich selbst überlassen. Nur wenn ein Igel im Spätherbst bei Frosteinbruch tagsüber aktiv ist und deutlich weniger als 500 Gramm wiegt, braucht er menschliche Hilfe um zu überleben. Die beste Möglichkeit, vor allem auch unerfahrenen Jungigeln zu helfen, besteht darin, igelgerechte Futterstellen im Garten einzurichten. Auf dem Speiseplan können Hunde-Feuchtfutter, Katzendosenfutter, ungewürztes Rührei gemischt mit Igeltrockenfutter, Erdnußbruch oder ungeschwefelte Rosinen stehen. Über der Futterstelle sollte man eine Kiste mit einem Einschlupfloch von maximal 10×10 Zentimeter anbringen, um ungebetene Gäste, wie Katzen und Vögel, fernzuhalten. Igel stehen ganzjährig unter Naturschutz und dürfen nicht einfach eingesammelt werden. Nur in Ausnahmefällen (§ 20, Bundesnaturschutzgesetz), wenn es sich eindeutig um ein verletztes, krankes oder sehr geschwächtes Tier handelt, darf man einen Igel vorübergehend aufnehmen. Die Tiere sind unverzüglich in die Freiheit zu entlassen, sobald sie sich dort selbständig erhalten können. Die richtige Versorgung eines kranken oder untergewichtigen Igels erfordert jedoch große Erfahrung. Nachfolgend geben wir Ihnen einige Tips. Sie können aber den pflegebedürftigen Igel auch im Fürstin-Delia-Tierheim in Nördlingen abgeben, sich dort zusätzliches Informationsmaterial besorgen, oder die Adresse einer Igelstation erfragen. Wichtige Hinweise und Informationen kann man auch über eine Igel-Hotline, die der Verein Pro Igel e.V. eingerichtet hat, erfragen.

Igel-Hotline 08382-3021 und 08382-6023

Betreuung aufgenommener Igel

Bei einer Aufnahme ins Haus kommt es auf eine artgerechte, fachkundige und im Notfall auch tierärztliche Betreuung an. Zunächst sind Igel äußerlich zu untersuchen und von Zecken, Flöhen, Fliegeneiern und -maden zu befreien. Zur Unterbringung benötigt man ein mindestens 2 Quadratmeter großes Gehege mit einer 50 cm hohen Umrandung. In das Gehege gehört ein kleines Schlafhäuschen aus Holz oder Pappe, in den zerknülltes und zerrissenes Papier gegeben wird. Der Boden kann am einfachsten mit Zeitung ausgelegt werden, um die tägliche Reinigung zu erleichtern. In jedes Gehege darf nur ein Tier gegeben werden, da sich Igel untereinander oft nicht vertragen.

Aufgenommene Igel müssen gefüttert werden, bis sie mindestens ein Gewicht von 700 bis 800 Gramm erreicht haben. Die wöchentliche Gewichtszunahme eines gesunden Igels beträgt 50-70g und sollte kontrolliert und notiert werden. Für diese Zeit muß der Igel in einem warmen Raum bleiben, weil er in kälterer Umgebung in einen winterschlafähnlichen Zustand hinüberdämmern würde, in dem er nicht mehr frißt. Igel sollten erst bei Einbruch der Dämmerung mit einer Nahrung gefüttert werden, die mindestens 80% Fleisch enthält. Dabei sind besonders geeignet: frisches Rinderhack (angebraten), Mehlwürmer, gekochte Hühnerflügel mit Möhren und gelegentlich Rührei. Dosenfutter für Hunde und Katzen gemischt mit Igeltrockenfutter kann ebenfalls gegeben werden. Täglich müssen Vitamine und Mineralstoffe beigegeben werden. Alle gesalzenen und gewürzten Nahrungsmittel, insbesondere aber Milch, sind schädlich.Igel brauchen keinerlei vegetarische Kost. Statt der häufig angebotenen Milch muß täglich ein Schüsselchen mit Wasser bereitstehen.

Langjährige Erfahrungen bei der künstlichen Überwinterung von Igeln haben gezeigt, daß ohne Behandlung gegen Innenparasiten (Lungen- und Darmwürmer) sowie bakterielle Infektionen die meisten Igel sterben. Symptome für eine Erkrankung sind Husten und Röcheln, Nahrungsverweigerung und Gewichtsabnahme. In diesen Fällen ist sofort ein igelkundiger Tierarzt oder eine Igelstation aufzusuchen.

Hat der Igel das nötige Gewicht erreicht, so muß das Gehege in einen höchstens 6 Grad warmen, halbdunklen, trockenen und lärmgeschützten Raum gebracht werden. Hier eignen sich auch Gartenhäuser oder wettergeschützte Terrassen. In wärmeren Räumen verfällt der Igel in keinen echten Winterlaf, sondern verbleibt in einem Zwischenstadium, in dem sehr viel Energie verzehrt wird. Der Igel dämmert in den Tod hinüber.

Nach dem Erwachen etwa Anfang April wird die Kiste gesäubert. Danach wird der Igel noch einige Tage gefüttert und an einem warmen Abend Anfang Mai in einem kleinen Nest aus Heu und Laub ausgesetzt.

Die Aufzucht verwaister Igelsäuglinge

Die Aufzucht verwaister Igelsäuglinge ist äußerst schwierig, zeit- und kostenintensiv. Man sollte deshalb unbedingt des Rat des Tierheims oder einer Igelstation einholen. Hier liegt auch ausführliches Informationsmaterial bereit.

Wie helfen wir Igeln in der Natur?

Kompost- Reisig- und Holzhaufen sind ideale Igelverstecke im Garten. Naturnahe Gartengestaltung schafft Lebensraum für Igel. Lassen Sie das Herbstlaub unter den Strächern liegen. Igel benötigen es für ihre Winterquartiere und finden unter der Laubschicht noch viele Kleinlebewesen, die ihnen als Nahrung dienen können. Generell sollte man im Garten auf Spritzmittel verzichten und insbesondere kein Schneckenkorn auslegen. Gartenzäune sollen eine Durchschlupfmöglichkeit für Igel besitzen. Gartenteiche sind mit flachen Ufern anzulegen, damit ein ins Wasser gefallener Igel wieder herausklettern kann. Kellerschächte, Gruben usw. sind so abzusichern, daß kein Igel hineinfallen kann. Im nächtlichen Straßenverkehr "igelbewußt" fahren und insbesondere im ländlichen Siedlungsbereich, in der Nähe von Büschen und Hecken vorsichtig fahren.

Informationen auch unter www.pro-igel.de

Verwendete und weiterführende Literatur ( z.T. im Fürstin-Delia-Tierheim erhältlich):

1. Das Igel- Praxisbuch (Monika Neumeier, Kosmos- Verlag Stuttgart 2001)

2. Aufzucht von verwaisten Igelsäuglingen (Monika Neumeier, Pro Igel e.V.)

3. Igel in Not? ( Pro Igel e.V)

4. Hilfe für den Igel ( Pro Igel e.V.)

5. Der Igel – Pflegefall oder Outdoorprofi (NABU Bundesverband)

6. Wildtier Igel (Pro Igel e.V.)

7. Igel-Steckbrief ( Pro Igel e.V.)

8. Plädoyer für den Igel (Rheinisch-Westfälische Igelfreunde und Verein für Tier-, Arten- und Biotopschutz e.V.)

9. Kleines Merkblatt zur Pflege von hilfsbedürftigen Igeln (Pro Igel e.V.)

(W.-D. Kavasch 2001)